Plädoyer für den Skistopper

Christian Klingler

Christian Klingler

Daten & Innovation bei der Tirol Werbung
IT-Sachverständiger
Hobbysportler (Berg, Ski, Trail)
Mitglied einer Lawinenkommission
Nutzt Skistopper

Mitarbeiter bei ASI-Tirol 2000-2006 und Mitherausgeber von alpinesicherheit.com

Der eine oder andere wird sich vielleicht mit der Thematik schon einmal auseinander gesetzt haben: Soll man bei den Tourenski Fangriemen oder Stopper anbringen?

Die Meinung dazu von Andreas Lercher, Bergführer und Experte für Skitourenausrüstung, ist eindeutig:

„Pistentouren ohne Skistopper sind grob fahrlässig und bei einem Unfall mit Personenschaden im Grunde schon kriminell.“

Andreas Lercher im Alpenvereinsmagazin bergauf 05/2020

Meine Motivation diesen – subjektiven – Artikel zu schreiben waren zwei gefährliche Situationen beim Skitourengehen, die ich selbst beobachtet habe:

  • Bei einer Pistenskitour hat sich eine Skitourengeherin am Ende des Aufstiegs „ganz normal“ ihre Ski und Fangriemen abgeschnallt, die Felle vom Ski abgezogen und wollte dann ihre Skischuhe schließen. Einer ihrer Ski ist dabei plötzlich weggeglitten und mit hoher Geschwindigkeit die Piste hinunter gesaust. Aufsteigende Tourengeher und Skifahrer waren durch dieses Geschoß gefährdet – glücklicherweise ist nichts passiert.
  • Bei einer alpinen Tour ist einem Tourengeher an einem (festgetretenen) Rastplatz ein Ski ohne Stopper ausgekommen, der dann ein paar hundert Meter weiter unten im Tiefschnee verschwunden ist. Der Tourengeher musste dann allerdings noch 1200 Höhenmeter in zerfahrenem Tiefschnee abfahren – nicht gerade leicht mit nur einem Ski.

Skistopper – Vorteile, Nachteile

Was ist besser? Welche Vor- und Nachteile hat das jeweilige System?

Über die Vor- und Nachteile von Skistoppern und Fangriemen wird schon jahrelang diskutiert. Für diese Entscheidung wird häufig geraten die konkrete Situation wie Gelände, Schneeverhältnisse usw. zu berücksichtigen. Schauen wir uns die beiden Systeme genauer an:

Skibindungen mit und ohne Skistopper
Skibindungen mit und ohne Stopper

Fangriemen

Fangriemen bestehen aus einem etwa 15 cm kurzen, meist spiralisierten Stahlkabel mit einem kleinen Karabiner, das an der Tourenbindung hängt. Am Skischuh hängt ein Metallring, ähnlich einem Schlüsselring, in den der Karabiner eingehängt wird.

Fangriemen +/-

Beginnen wir mit den wichtigsten Argumenten pro und kontra:

Vorteile Fangriemen:

  1. Gewichtsersparnis: Fangriemen sind etwas leichter.
  2. Preis: Fangriemen sind etwas günstiger.
  3. Ich kann den Ski nicht verlieren, weil der Ski immer fix mit dem Schuh verbunden bleibt. Das kann sowohl Vor- als auch Nachteil sein. Ein Vorteil ist es in Situationen, wo ein Skiverlust problematisch wäre, etwa in sehr abgelegenen Gebieten.

„Dass Fangriemen ein erhöhtes Verletzungsrisiko bedeuten, leuchtet jedem ein. Dass sie bei einem Lawinenabgang aber fatale Auswirkungen haben können, ist weitgehend unbekannt. Der menschliche Körper mit seinem Rucksack wirkt wie ein kleiner ABS-Ballon und wird durch den Effekt der „Entmischung“ immer wieder an die Schneeoberfäche „gespült“. Bleiben die Schi jedoch durch Fangriemen mit dem Körper verbunden, wirken diese wie Anker.“

Peter Plattner schon vor 20 Jahren in bergundsteigen

Nachteile Fangriemen:

  1. Der Ski kann sich nicht vom Schuh/Körper lösen. Fangriemen können bei einem Sturz oder Lawinenereignis zu schweren Verletzungen führen, weil der Ski an den Füßen fixiert ist.
    „Bei einem Sturz haut es mir also die Ski um die Ohren,“ meint dazu Andreas Lercher in seinem Artikel.
    Bei Stürzen besteht hohe Verletzungsgefahr: Die Bindung geht auf, der Ski löst sich also, bleibt aber durch den Fangriemen in unmittelbarer Nähe des Skifahrerkörpers und schlägt um sich.
  2. Ankerwirkung in der Lawine: bei einer Lawinenverschüttung wirken die festgeschnallten Ski wie ein Anker. Fixierte Fangriemen stellen in diesem Fall sogar eine tödliche Gefahr dar. In einer Lawine ist es durch den Zug der Ski schwierig sich an der Oberfläche zu halten.
    Anmerkung: Fangriemen von Dynafit geben ab einer bestimmten Zugkraft selbständig nach (Sollbruchstelle).
  3. Fangriemen sind in der Handhabung „lästiger“ und aufwendiger zu handeln als Skistopper. Ski an oder ab bedeutet jeweils 2 Karabiner öffnen oder schließen. Fangriemen müssen bewusst angelegt werden, das ist vor allem bei häufigem An- und Ausziehen der Ski unbequem. Man muss sich zum Schuh hinunter bücken, während sich Skistopper beim Einsteigen in die Bindung schließen.
  4. Fangriemen funktionieren nicht, wenn sich der Skifahrer von den Ski entfernt.

Skistopper

Skistopper sind meist am Hinterbacken der Bindung befestigt (bei einigen Modellen von ATK vorne). Wenn man aus der Bindung steigt, graben sich die zwei Arme in den Schnee und verhindern ein selbständiges Losgleiten des Skis. Stopper können leicht nachgerüstet werden – meist sogar ohne Werkzeug.

Skistopper +/-

Vorteile Stopper:

  1. Funktionieren selbständig, auch wenn der Skifahrer sich vom Ski entfernt.
  2. Sind bequemer im Handling, also „convenient“.
    Bei Alpinski haben sie deshalb Fangriemen komplett verdrängt.

Nachteile Stopper:

  1. Höhere Kosten
  2. Höheres Gewicht
  3. Die Ski können verloren gehen, etwa im Tiefschnee oder wenn ein Ski einfach abhaut
  4. Bei manchen Tourenbindungen sind die Stopper im Aufstiegsmodus verriegelt/inaktiv und müsen vor dem Abziehen der Felle „aktiviert“ werden (= Umstellung in den Abfahrtsmodus)

„In den wenigen Situationen, in denen eine fixe Befestigung des Schis am Körper erwünscht sein könnte, z.B. auf einem Gletscher bei Spaltensturzgefahr, kann ich Fangriemen sehr schnell anbringen und es stört auch nicht, sie in der Rucksackdeckeltasche mitzuführen.“

Peter Plattner

Spalten am Gletscher sind für 95% der Tourengeher wahrscheinlich kein Thema. Dazu folgender Hinweis: Fangriemen sind am Gletscher deswegen praktisch, weil sich
1. nach einem Spaltensturz der Ski nicht in die Tiefe verabschiedet, falls sich die Bindung öffnet und
2. um die Ski nach dem (zur Bergung notwendigen) Abschnallen schnell am Gurt befestigen zu können, wenn die Bindung zu bleibt.
Bei entsprechend spaltenreichen Gletschern mit latenter Spaltensturzgefahr kann ein Fangriemen allerdings auch schnell mit einer Reepschnur oder Bandschlinge improvisiert werden.

Vergleich Kosten & Gewicht

Zu den Vor- und Nachteilen von Stoppern und Fangriemen vergleichen wir am besten die objektiven Daten. Dazu immer die subjektiven Anmerkungen des Autors.

  1. Die Kosten für Stopper betragen etwa 50 bis 80 Euro. Fangriemen kosten etwa 20 bis 30 Euro.
    Bei günstigen Tourensets sind statt Skistoppern häufig Fangriemen enthalten – eine reine Preisfrage.
    Die Preisdifferenz beträgt damit etwa 30 bis 50 Euro.
  2. Skistopper wiegen etwa 40 bis 90 Gramm (je nach Breite).
    Fangriemen wiegen etwa 20 Gramm.
    Der Gewichtsunterschied beträgt damit nur geringe 20 bis 70 Gramm.
  3. Wenn sich Tourenski bei einem Sturz im Pulverschnee lösen, sind sie nicht leicht zu finden.
    Dieser Nachteil lässt sich mit Tiefschneebändern ausgleichen.

„Wozu Fangriemen? Da es für jede Bindung sehr gute Schistopper gibt, fällt mir kein plausibler Grund ein, diese nicht zum Standard zu machen. Seien wir doch ehrlich: Fangriemen sind lästig. Bei jedem Ein- und Aussteigen müssen sie geöffnet und wieder geschlossen werden.“

Peter Plattner, bergundsteigen

Tiefschneebänder

Als Alternative zu Fangriemen gilt die Verwendung von Tiefschneebändern. Ein Tiefschneeband ist 2 bis 3 Meter lang, meist in leuchtender Signalfarbe und erleichtert bei einem Skiverlust das Finden des Skis im Tiefschnee. 

Tiefschneebänder - Foto contour/Koch Alpin GmbH
Tiefschneebänder – Foto Kochalpin

Die Bänder werden am Tourenski befestigt und locker unter das Hosenbein gestopft. Wenn sich die Ski lösen, zum Beispiel bei einem Sturz, dann kann man die Ski durch die gut sichtbaren Bänder leichter im Schnee finden.

Tiefschneebänder sind sowohl mit Fangriemen als auch mit Skistoppern verwendbar.
Gewicht: 20 g, Kosten: etwa 5,- Euro.

Subjektive Meinung des Autors: In der Praxis habe ich noch nie einen Tourengeher mit Tiefschneebändern gesehen – zumindest in meinem Bekanntenkreis. Viel zu lästig!

Plädoyer für den Skistopper

Fazit: ein Plädoyer für Skistopper

Autor und Sachverständiger Peter Plattner formuliert in bergundsteigen eine klare Meinung: Keine Fangriemen mehr.

„Auf den Punkt gebracht: Fangriemen haben auf Schitouren keine Berechtigung mehr!“

Peter Plattner

Peter kontert auch dem oft genannten Argument „Aber im tiefen Pulverschnee ist mein teurer Ski nach einem Sturz auf Nimmerwiedersehen verloren!“ mit drei Punkten:

„Erstens ist es wirklich sehr sehr selten, dass nach einem Sturz ein Schi nicht wieder rasch auffindbar ist, zweitens grabe ich lieber länger nach meinem Schi, als mich schwer zu verletzen und drittens könnte auch ein „Tiefschneeband“ hier leicht Abhilfe schaffen. Bei einem Sturz wird dieses herausgezogen und bleibt an der Oberfläche sichtbar.“

Peter Plattner

Auch Andreas Lercher spricht sich klar gegen Fangriemen aus:

„Wer es gerne risikoreich mag, darf gerne auch im Winter 2020/21 wieder Fangriemen verwenden, damit einem bei einem Sturz so richtig die Ski um die Ohren sausen können.“

Andreas Lercher, Bergführer in Bergauf 05/2020

Meinung Christian Klingler

Meine persönliche Meinung ist eine ganz ähnliche: Im letzten und heurigen Winter boomt das Skitourengehen. Die Corona-Pandemie verstärkt diesen Trend der letzten Jahre noch. Viele Einsteiger*innen starten mit Pistentouren – verständlich, weil dort finden sie ideale Verhältnisse vor: gut gespurt, einsteigerfreundliche Strecken, gut gesichert gegen alpine Gefahren und eine Abfahrt über eine präparierte Piste ohne Überraschungen.

Aber gerade bei Touren auf Pisten haben meiner Meinung nach Fangriemen nichts verloren! Skistopper verhindern Unfälle und Verletzungen bei Stürzen. Das Mehrgewicht ist vernachlässigbar und die geringen Mehrkosten von ca. 50 Euro sind gut investiertes Geld. Günstige Tourensets werden leider oft nur mit Fangriemen verkauft.

Ab zum Fachhändler eures Vertrauens und besorgt euch Skistopper, oder ihr bestellt sie online. Skistopper nachrüsten ist leicht und ohne Werkstatt möglich!

Plädoyer für Skistopper – von Christian Klingler

Gerne könnt ihr unten in den Kommentaren zum Artikel unten eure Erfahrungen schildern. Ich freue mich auf euer Feedback!


Literatur und Links

Peter Plattner
Fangriemen vs Stopper
in bergundsteigen Magazin 04/2000
(Danke an Peter für das konstruktive Feedback zum Artikel!)

Andreas Lercher
Skitourenupdate
bergauf 05.2020
Mitgliedermagazin des Österreichischen Alpenvereins

Onsight Kletter- und Bergsport in Zams
Skistopper Übersicht online bei sportler.com
Fangriemen Dynafit online bei sportler.com
Tiefschneebänder online bei bergzeit.at

Gesammelte Kommentare

Weils mir gerade einfällt: die Taktik die Pin-Bindung bei der Abfahrt zu verriegeln, sodass sie sich nicht öffnet und damit der Ski nicht verloren geht, ist ebenfalls nicht die beste…
P.P.

Autor: Das wäre ein Thema für einen weiteren Artikel

Hinweis für alle Läufer/Puristen, die ohne Stopper und ohne Fangriemen unterwegs sind (gar nicht wenige?):
meines Wissen muss in Österreich nach dem geltenden Skirecht auf Pisten ein Stopper/Fangriemen verwendet werden.
P.P.

Autor: wir werden dazu recherchieren

2 Kommentare

Hallo,
ich würde gene bei meiner Dynafit Speed Turn
Stopper nachrüsten. Die Aussage vom Hersteller ist, dass das nicht möglich sei.
Haben Sie da eine Empfehlung?
Danke im Voraus

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